Ein 20-Dollar-Abo ersetzt ein 50.000-Dollar-Gehalt
Ich beschäftige mich gerade viel mit der Frage, was aus meinem Beruf wird. Aus der Perspektive eines Freelancers in Deutschland, der Websites und Shops baut. Wenn ich dann Artikel wie diesen von James White aus den USA lese merke ich: Während ich noch über meine Zukunft nachdenke, ist sie für andere schon Gegenwart.
Daniel, 250 Bewerbungen, keine Antwort
James White beschreibt auf Medium den Fall eines Software Engineers, den er Daniel nennt. Erfahren, solide, jahrelang in einer Fintech-Firma. Dann wurde sein Team „um Automatisierung herum optimiert". Erst verschwanden die Sprint-Tickets, dann die Kalendereinladungen, dann der Zugang. Gleiches Produkt, gleiche Roadmap. Nur weniger Ingenieure.
Daniel hat sich seitdem auf über 250 Stellen beworben. Die Nachfrage nach Software Engineers ist nicht verschwunden – sie wurde komprimiert. Eine Person soll machen, was vorher drei gemacht haben. In den Stellenausschreibungen steht jetzt „Leveraging AI Copilots" und „Maximizing Efficiency through Automation". Und Daniel schreibt seinen Lebenslauf um. Wieder und wieder.
Es ist nicht nur Tech
Es geht nicht nur um Programmierer. Er beschreibt eine Anwältin, deren Routinetätigkeiten von Software übernommen wurden. Einen Marketing-Analysten, der das Reporting-Tool selbst konfiguriert hat, das ihn dann überflüssig machte. Das Muster ist immer dasselbe: Erst wird gemessen, dann automatisiert, dann wird die Belegschaft „angepasst".
Klarna hat 40 Prozent seiner Belegschaft abgebaut – unter anderem dank KI. Duolingo setzt keine Auftragnehmer mehr für Arbeiten ein, die KI erledigen kann. Salesforce hat 4.000 Support-Stellen gestrichen, weil KI die Hälfte der Arbeit übernimmt. Allein im Januar wurden in den USA über 100.000 Stellen abgebaut. Der offizielle Kommentar: Der Arbeitsmarkt bleibt stabil.
Ein 20-Dollar-Abo ersetzt ein 50.000-Dollar-Gehalt
White bringt es auf eine Formel, die sitzt: Ein Abo für 20 Dollar im Monat erledigt E-Mails, Reports, Support-Tickets und Starter-Code – Tätigkeiten, die vorher ein Gehalt von 50.000 Dollar plus Benefits gerechtfertigt haben. Wenn ein Unternehmen diese Rechnung einmal aufgemacht hat, gibt es kein Zurück.
Und die offizielle Erzählung? „KI stärkt unsere Teams. Automatisierung fördert Kreativität. Produktivitätsgewinne schaffen neue Chancen." Das klingt gut in Shareholder-Letters. Es klingt weniger gut, wenn man Daniel heißt und seit einem Jahr keine Antwort auf seine Bewerbungen bekommt.
Warum mich das betrifft
Ich bin kein angestellter Software Engineer. Ich bin Freelancer, 1-Mann-Agentur, ich baue Websites und Shops. Mein Daniel-Moment sieht anders aus: Kein Zugangsentzug, keine verschwundenen Kalendereinladungen. Stattdessen werden die Anfragen weniger. Die Budgets kleiner. Die Kunden fragen: Geht das nicht auch mit KI? Und die ehrliche Antwort ist: Ja. Immer öfter.
White zitiert Dr. Vasant Dhar von der NYU: „This is a pivotal technology that you cannot afford to ignore. You ignore it at your own peril." Das stimmt. Aber es stimmt in beide Richtungen. Ich kann es mir nicht leisten, KI zu ignorieren. Und ich kann es mir nicht leisten, so zu tun, als würde KI mich nicht ersetzen.
White fragt sich, wie der Arbeitsmarkt aussehen wird, wenn seine Kinder alt genug sind zu arbeiten. Er stellt sich nicht mehr Chancen vor. Er stellt sich vor, erklären zu müssen, warum Festanstellung sich wie ein Privileg anfühlt statt wie eine Selbstverständlichkeit. Ich frage mich, was ich meinem Sohn raten soll, der nächstes Jahr Abitur machen wird. Die Einschläge kommen näher. Und sie treffen nicht nur andere.
Den vollständigen Artikel von James White gibt es auf Medium.