Hilfe. Ich mache meinen Job seit 25 Jahren und ich weiß nicht mehr, ob das noch einer ist.
Ich habe Sorge um meinen Job. Ich baue Websites. Die erste 1996, und seit 2001 hauptberuflich. Und ich weiß nicht, ob das in zwei Jahren noch jemand braucht. Dieser Artikel ist für meine Kollegen und jeden, der mit Wissen und Pixelschubsen Geld verdient: Projektmanager, Controller, Beraterinnen, Juristinnen, Teamleads, Marketing-Verantwortliche, HR, Einkauf, Vertriebssteuerung. You name it. Alle, die morgens für ihre Arbeit den Laptop aufklappen. Ihr sitzt alle im selben Boot in dem ich auch sitze.
Ich baue also Websites. Für Unternehmen, die einen Shop wollen, eine Visitenkarte im Netz, ein Buchungssystem, eine Plattform. Ich kenne TYPO3, Shopware und zahllose andere Systeme, ich weiß wie man einen Server aufsetzt, wie man eine Datenbank optimiert, wie man einen Entwickler-Fehler um 23 Uhr debuggt, während der Kunde um Mitternacht live gehen will.
Und jetzt steht KI vor Tür: Danke, übernehme ich. Ein Geist, den ich mitgerufen habe und der wohl nicht mehr gehen wird.
Was ich erlebe
Ich nutze KI täglich in meiner Arbeit. Sie hilft mir, schneller zu werden, besser zu werden, Dinge zu erledigen, für die ich früher Stunden gebraucht hätte. Ich schätze, ich spare damit locker 40 Prozent meiner Arbeitszeit und diese Ersparnis gebe ich gerne an meine Kunden weiter. So weit, so schön.
Das Problem ist: Dieselbe KI, die mir hilft besser zu werden, macht mich gleichzeitig überflüssig. Mein bester Mitarbeiter heisst Claude Code, kostet mich 200$ im Monat und arbeitet gleichzeitig bei Anthropic daran, mich überflüssig zu machen.
Schon jetzt können meine potenziellen Kunden mit Squarespace, Wix AI, Framer, Lovable, Manus oder einem Dutzend anderer Tools ihre Website selbst erstellen. Für 20 Euro im Monat. Ohne mich.
Warum ich noch nicht ganz arbeitslos bin
Es gibt noch Gründe, warum jemand wie ich (noch) gebraucht wird.
KI-Tools können vieles, aber sie müssen bedient werden. Und „bedienen" ist für einen Laien noch nicht so trivial, wie die Werbung es verspricht. Wer formuliert die richtige Anforderung? Wer erkennt, dass die KI eine technisch saubere Lösung gebaut hat, die am eigentlichen Problem vorbeigeht? Wer kümmert sich darum, dass die Website auf eigenem Hosting läuft, in Deutschland, DSGVO-konform, weil die Firma personenbezogene Daten verarbeitet und keinen Ärger mit Behörden will?
Hosting in Europa ist kein Luxus. Es ist für viele Unternehmen schlicht Pflicht und „Deploy auf Vercel" reicht dann nicht.
Außerdem: Wenn etwas schief geht, muss ein Mensch ran. KI-Tools produzieren wunderschöne Fehler, die ein Laie weder erkennt noch versteht. Und meine verrückten Ideen sind besser als das, was KI halluzinieren kann.
Also: Es gibt noch Arbeit für mich. Heute.
Aber ich mache mir keine Illusionen
Die Tools werden besser. Jeden Monat. Was heute noch Probleme macht, ist in zwölf Monaten gelöst. Was heute noch eine Hürde für Laien ist, wird morgen so einfach wie eine Smartphone-App.
Das sehe ich an meinen eigenen Tools. Die können fast täglich mehr. Wo ich vor ein paar Monaten noch dachte "na ja, aber..." denke ich jetzt immer häufiger "oh je, fucking brilliant" - so gut hätte ich das selbst nicht hinbekommen.
Die ideale Anzahl an Mitarbeitern und Dienstleistern: Null
Während ich noch über meine eigene wirtschaftliche und berufliche Zukunft nachdenke, formuliert Daniel Miessler in seinem Essay „The Great Transition" einen Gedanken, der mich an genau dieser Zukunft über die Maßen zweifeln lässt:
„The ideal number of human employees inside of any company is zero."
Zero. Null. Ja, willkommen auf der dunklen Seite des Kapitalismus. Miessler meint das nicht zynisch. Er beschreibt, was Unternehmen eigentlich schon immer wollten, aber nie umsetzen konnten. Firmen haben nie für Menschen bezahlt, weil sie Menschen so gern haben. Sie haben für Ergebnisse bezahlt. Menschen waren nur das einzige verfügbare Mittel, um diese Ergebnisse zu produzieren.
Und jetzt gibt es eine Alternative. Eine viel billigere Alternative. Eine Alternative, die nicht krank wird, nicht in Urlaub möchte, keinen Schlaf benötigt. Eine Alternative so gut, dass ich sie selbst in meinem Unternehmen verwende. Bei mir verliert aber deswegen niemand seinen Job, ich bin der einzige Mitarbeiter; das macht aber im großen Zusammenhang betrachtet keinen Unterschied.
Werfen wir einen kurzen Blick auf meine Kunden: Die rufen mich nicht an, weil sie mich so nett finden (obwohl sie das tun, und es ist eine Freude auf dieser Basis zusammenzuarbeiten). Nein, die rufen mich natürlich an, weil sie ein Problem haben, das sie nicht selbst lösen können. In dem Moment, in dem ein Tool das Problem für sie löst, für 20 Euro im Monat statt für meinen Tagessatz, bin ich raus. Meine Kunden sind zwar nett, aber nicht blöd.
Es geht nicht nur um Tools. Es geht um eine neue Art wie Unternehmen funktionieren.
Was mich an Miesslers Analyse besonders beeindruckt: Er redet nicht nur über einzelne Jobs, die wegfallen. Er beschreibt, wie sich die gesamte Betriebslogik von Unternehmen verändert.
Bisher waren Prozesse, SOPs, Dokumentationen im Grunde totes Papier. Irgendwann mal geschrieben, nie wirklich aktualisiert, von niemandem konsequent befolgt. Die Person, die sie gepflegt hat, ist in Elternzeit gegangen und nie zurückgekommen. Jeder kennt das.
Das ist mein Alltag, nur in anderer Form. Ich baue einen Shop, richte alles ein, erkläre alles, und sechs Monate später ruft jemand an, weil ein Plugin-Update etwas zerschossen hat und keiner weiß, was zu tun ist. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist menschlich."
Und genau hier wird es interessant: Eine KI übernimmt Prozesse nicht nur, sie lebt sie. Sie kennt jede SOP, jede Querverbindung, jedes Dokument. Wenn sich etwas ändert, teilst du es der KI mit, und alles wird aktualisiert. Nicht nur ein Dokument, alles, was damit zusammenhängt. Die KI vergisst nicht, geht nicht in Elternzeit und hat keinen schlechten Tag.
Das ist kein Effizienzgewinn. Das ist ein Paradigmenwechsel. Und er betrifft nicht den Programmierer, der eine Website baut. Er betrifft jeden, der in einem Unternehmen Wissen verwaltet, Prozesse pflegt, Entscheidungen vorbereitet.
Ich glaube das ist nur eine Frage der Zeit bis dieser Wandel seine Wirkmacht entfaltet.
Warum ich mit meiner Sorge auch falsch liegen könnte
Vielleicht unterschätze ich etwas Wesentliches: Unternehmen kaufen am Ende nicht nur ein Ergebnis, sondern auch Verantwortlichkeit.
Eine Website ist nicht nur eine hübsche, interaktive Text- und Bildsammlung. Irgendjemand muss beurteilen und entscheiden, was wirklich gebraucht wird, welche Ziele verfolgt werden, wie etwas sauber aufgesetzt sein muss. Und dann kann es hilfreich sein, wenn es einen gibt, der den Kopf hinhält, wenn es schiefgeht. Das kann eine KI nicht. Jeder kennt die lustigen Entschuldigungen von ChatGPT wenn man ihn/sie/es bei einer Halluzination ertappt hat.
Denn selbst wenn ein Tool bald den Großteil der Umsetzung übernimmt, wer sortiert Anforderungen, erkennt Widersprüche, stoppt schlechte Entscheidungen und übernimmt im Ernstfall Verantwortung? Ein Geschäftsführer kauft nicht nur Code. Er kauft Absicherung, Erreichbarkeit und jemanden, den er Freitagabend anrufen kann, wenn der Shop nicht mehr funktioniert.
Dazu kommt: Unternehmen funktionieren nicht so sauber, wie Technologiedemos es unterstellen. Prozesse sind widersprüchlich, Zuständigkeiten unklar, Daten unvollständig. Gerade deshalb gibt es Dienstleister, nicht nur, weil sie etwas bauen, sondern weil sie mit dieser Unordnung umgehen können.
Es kann also sein, dass mein Fehler darin liegt, meinen Beruf zu eng über die Herstellung zu definieren. Vielleicht verändert sich mein Wert: weg von demjenigen, der alles selbst macht, hin zu demjenigen, der dafür sorgt, dass aus technischen Möglichkeiten unter realen Bedingungen etwas entsteht, das tatsächlich funktioniert.
Kann also sein, das meine Bedenken in die völlig falsche Richtung zielen. Und wenn nicht?
Die eigentliche Frage
Mein konkreter Fall ist nur der Aufhänger. Die eigentliche Frage ist größer.
Was machen Wissensarbeiter, wenn ihr Wissen kein Wettbewerbsvorteil mehr ist? Was machen Juristen, wenn ein Sprachmodell einen Vertrag schneller entwirft als sie? Was machen Steuerberater, wenn die KI die Steuererklärung übernimmt? Was machen Architekten, Designer, Analysten, Berater? Die Vorboten sind jetzt schon da: Einstiegsjobs entfallen. Wer braucht noch einen begabten Junior für die Fleiß- und Drecksarbeit wenn KI den Job genauso gut, wenigstens gut genug, erledigt?
Miessler nennt eine Zahl, die das Ausmaß deutlich macht: Rund 50 Billionen Dollar fließen weltweit pro Jahr an Wissensarbeiter. Allein in den USA sind es etwa 10 Billionen. Das ist, was Unternehmen ausgeben, um Menschen zu bezahlen. Und die große Verschiebung besteht darin, dass sie das eigentlich nie wollten.
50 Billionen Dollar pro Jahr. Das ist kein abstraktes Wirtschaftsthema. Das ist der größte finanzielle Anreiz der Menschheitsgeschichte, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Und ich, mit meinem TYPO3 und meinem Shopware und meinen 25 Jahren Erfahrung, ich bin Teil dieser 50 Billionen. Leider nur ein ganz winzig kleiner Teil, eine Stelle hinterm Komma.
Wir alle machen gerade dasselbe: Wir nutzen KI, um besser zu werden. Und wir merken, dass wir damit das Werkzeug schärfen, das uns ersetzt. Früher hieß es: „First we shape our tools. Then our tools shape us." Heute? Unsere Werkzeuge bewerben sich auf unseren Job.
Also: Was soll ich tun?
Umsatteln auf KI-Beratung? Schon fünfhundert andere auf LinkedIn. Zielgruppe hoch spezialisieren, eine kuschelige Nische finden? Nur noch Kunden suchen, die hoch komplexe Anforderungen haben? Klingt gut, bis die Tools auch das können. Einfach weitermachen und hoffen? Klassiker.
Ich nehme jeden Vorschlag entgegen. Durchdachte Strategien genauso wie sarkastische Kommentare und ehrlich gemeinte Untergangsszenarien. Wichtig ist mir beim Denken nicht alleine zu bleiben.
Denn ich habe das Gefühl, dass wir alle gerade noch so tun, als wäre das eine theoretische Diskussion für irgendwann in der Zukunft. Nein, es ist BALD. Und La drôle de guerre ist JETZT.
